Bazooka – Antihero

Lärmstep? Terrorstep? Dabber?

oder

Die Wiedererweckung der Larmoyanz

M
Der Berliner Produzent Bazooka ist ein alter Hase und produziert seit nunmehr 15 Jahren Lärm in vielen Facetten und veröffentlicht mit Antihero nun sein erstes Album. Früher nannte sich das Gabber bzw. allesmögliche-core. Und heute fragt Ihr euch, was so etwas nun hier soll.

Nun ja, ich habe halt mal nachgemessen: Es war schon sehr, sehr lange her, dass ihr etwas über unser Lieblingsthema applikative Musik lesen musstet. Deswegen gehört das jetzt aufgefrischt. Der Zusammenhang wirkt ggf. etwas weit hergeholt, aber das ist selbstverständlich ein bewusst gewähltes didaktisches Mittel.

Auf jeden Fall standen wir hier vor der Entscheidung, ob wir über etwas schreiben sollen, dessen applikative Funktion wir nicht verstehen. Ihr wisst schon, unser Dauerthema: Wenn es schnell ist, man dazu aber nicht tanzen kann oder will, warum es dann hören? Wenn es zu langsam zum tanzen ist, aber man es nicht in konzentriert oder bewusst unkonzentriert zu Hause hören kann, warum es dann überhaupt hören?

Diesem streng konsumistischen Raster folgend – nach dem Musik nicht um ihrer selbst Willen gehört wird, sondern eine Funktion haben muss (letztendlich ja immer die direkte oder indirekte Ausschüttung von entweder Serotonin, Adrenalin, Dopamin oder Endorphinen oder einer Mischung von alledem oder zumindest die Erinnerung an eine dieser Ausschüttungen) – bereitet die Beurteilung und Einordnung dieses Werkes zunächst Probleme.

So verschließt es sich unserer Deutungslehre zunächst dadurch, dass es durch die Kombination der Elemente “wildes Geprügel”, “unfassbare Überfülltheit”, “Bassgewitter-wo-man-hinschaut”, “total-langsame-Dubstep-Rhythmen” nicht etwa zu einer – nach den Gesetzen der Physik vorausberechenbaren – Auslöschen von Frequenz und Furchtbarkeit kommt, sondern sich die einzelnen Musikmoleküle gegenseitig anzuziehen scheinen und sich dadurch die Wirkungen gegenseitig potenzieren.

Ein Stück, dass bei einer Gabber-Standardgeschwindigkeit von 190 BPM sicherlich lärmig aber wenigstens schnell vorbei wäre und dazu noch BummBummBumm macht, wird bei einem Dubstep-Tempo von 140 BPM zu einer audibilen Schlammlawine. Als würden alle Terrordome Compilations der 90er gleichzeitig verlangsamt abgespielt und dabei von Dubstep Basssägen in Einzelstücke zerfetzt.

Inhaltlich sehr detailreich gemacht, mit – Gabber ahoi – unzähligen Breaks, eingestreuten Samples, Drops alle 30 Sekunden und Dronen, Orchester sowie Ruhe-vor-dem-Sturm-Intros, die einem fast schon Leid tun können, ahnt man doch das gewittergleiche Aufziehen von Bassgeprügel und Gesäge, welches alles nieder walzt. Originell, wie selbst die ausgelutschtesten Samples noch kreativ neu platziert und verfremdet werden, hier kommt seine HipHop Ader durch. Ab und an dann auch mal ein Stück im DnB-Tempo, welches durch die Episodenhaftigkeit ein Gefühl des plötzlichen Ausbrechens, des Erhebens uns Abschüttelns von jedweden Genre-grenzen erzeugt. Verstörung scheint hier Prinzip zu sein.

Der Künstler versteht es dabei gekonnt, sich all zu einfachen Erlebnismustern zu entziehen, in dem er gekonnt das Stilmittel der Kakophonie einsetzt. Wobei einsetzen im metaphysischen Sinne eines Peter Sodann’s zu verstehen ist, webt er doch geschickt atonale Elemente sorgsam sich entwickelnd in immer opulenter werdende Arrangements ein. Schicht um Schicht schält sich dann kontemplative Dissonanz in Form brachialer Basspeitschen, nur um kurz vor dem audibilen overkill, Artensterbend gleich im nächsten Break zu verschwinden. Diese aufbauende Zerstörung steht dabei in einer Linie zu der Avantgarde des Gierkensteiner Salopps.

Der Zuhörer bleibt im unklaren, diffusen: Ist es die hörbar gemachte Unvereinbarkeit parallel real existierender Berliner Stadtrealitäten? Oder die kongeniale Beweisführung, dass noch längst nicht alles zusammen wächst, was vermeintlich zusammen gehört? Die Überladung der Stücke eine Parallele zu den voll gepackten Bahnwagen der Völkervertreibungen Europas? Die Musik und der Künstler verweigern sich dabei aktiv der Genrefizierung, lenken ab durch Straßenslang und Asphaltromantik. Die Spannung dieser polisch und politischen Gegensätzlichkeit der Elemente ist es dann auch, die den Zuhörer lange fesselt und bewegt.


Diese hörbar gewordene Unettikettierbarkeit der Vehemenz ist es dann auch, die der Musik ihren applikativen Stempel aufdrückt: Zum Einsatz als Phoenix zur Verbrennung der eigenen Hörgewohnheiten mit dem Ziel des akustischen Neuanfangs aus der Asche mag es auf Deutschlands Lyrikbühnen derzeit kaum geeigneteres geben.

Zu diesen Lesungen solltet Ihr gehen:
  • 03. Humanoid Kill
  • 05. Bass Invaders
  • 15. Commando64

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