Besuch der Freizeitparkattraktion “the average 90ies Rave”

Europapark, herhören!

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Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Je älter man wird, desto mehr beschäftigt man sich mit seiner “Jugend”. Die Online-Abschlussklassen-Portale scheinen sich mit jedem Jahr etwas mehr zu füllen, jedes dritte Album ist irgendwie retro oder oldschool, und sogar zum Jahrgangstreffen kurz vor Weihnachten geht man endlich auch mal hin.

Der Gipfel all dessen ist wohl der Besuch eines “Techno Classic” Events. Mit so etwas hatte ich mich nie zuvor beschäftigt und hätte auch nie gedacht, da jemals hin zu gehen.

Als dann aber das Event Oz Reloaded (no.14) angekündigt wurde, brauchte es bei meinem Alter wohl nur nur den Flügelschlag eines Schmetterlings in Form der Feststellung, dass dort ja DER lokale verehrte und gekannte lieblings-DJ auflegt (neben 33 anderen) und schon bildete sich eine spontane Schwarmintelligenz in Form von Anmeldungen aller Jungs-von-damals aus.

Nun ist es ja eigentlch eher stinklangweilig, hier über den Besuch von CLubs und Events zu berichten, und ich hätte das auch nie in Erwägung gezogen, wenn sich nicht rausgestellt hätte, dass es gar kein Rave war, sondern ein getarnter Test einer neuen Freizeitparkattraktion! Aber lest selbst.


Die Veranstaltung wartete mit nahezu allen in den Mittneunzigern im Stuttgarter Raum relevanten Techno-DJs auf. Selbst Robert Miles durfte da auflegen. Und scheinbar hatte selbst Uwe Hacker für diesen Abend ein Visum bekommen.

In Summe waren wir alle mit dem Abend hoch zufrieden, denn es wurde genau das geboten, was eine “Classic” Veranstaltung ausmacht: fast alle alten Tunes, die wir seit nun fast Jahrzehnten nicht mehr auf einer Clubanlage gehört hatten. Jede Menge Gesichter von früher, die größtenteils durch die Anwendung der simplen Formel “Bei Männern einfach an mehr Haar und weniger Bauch denken” sogar wiedererkannt werden konnten. Eigentlich wie das oben genannte vorweihnachtliche Jahrgangstreffen, nur eben mit ordentlicher Musik an statt 80er + 90er Popfolter.

Der eigentliche Grund für diesen Artikel ist aber weniger die Beschreibung des Abends, sondern meine eigene Unsicherheit, wo ich da eigentlich hingegangen bin: War das nun ein “Rave”? Ein “Club”? Oder eigentlich eine Theater-Inszenierung? Oder gar eine Art Techno-Ride a la Disneyland?

Letzteres war es wohl gewesen, denn die Veranstalter hatten eben genau nicht einen Techno-Event mit Oldschool-Musik veranstaltet, sondern statt dessen einen typischen 90er-Rave originalgetreu nachgestellt. Wobei der Veranstaltungsname und die DJs Ihre Bekanntheit eher Ihrem Engagement in den damaligen Clubs verdanken, als den Auftritten auf Raves, aber egal.

Denn mit größter Liebe zum Detail wurde – wie in Disneyland, Europapark, Legoland – die perfekte Illusion einer untergegangenen Welt erschaffen. Zu den gelungensten, originalgetreuesten Nachbildungen gehörten dabei:

  • we-are-underground: Kartenverkauf nicht über etablierte Ticketvendors, sondern ausschließlich im Piercing-Studio. Natürlich nicht online, denn das gab es damals in den 90ern auch nicht
  • those-were-the-days: hoher Eintrittspreis, den heute keiner mehr verlangen würde
  • ahh-wie-früher: die Getränke ordentlich überteuert
  • die-Stadtr-hat-das-nur-mit-Auflagen-genehmigt: mehr Security als in Heiligendamm (gefühlt 1 pro 5 Besucher)
  • Für das “früher-waren-wir-total-krass-unterwegs” Feeling: endlich mal wieder an der Tür durchsucht werden!
  • me-too-für alle: endlich noch ein weiterer neuer Energy Drink, den keiner braucht und der genauso schmeckt wie alle anderen auch und an den sich morgen sicher keiner mehr erinnern wird. Ja, Kinder, so war das früher!
  • Megasponsoren-die-jung-sein-wollten: Tja, nur die haben leider gefehlt. So ein altes Camel-Poster hätten sie doch ausgraben können…
  • absolut authentisches Hallenfeeling: der größte “Floor” war einfach eine zu überdimensionierte Halle mit allem, was eine 90er-Rave-Halle einfach haben muss:

    — nur ein Drittel der für eine gute Stimmung notwendigen Gäste sind da

    — der Sound ist unbeschreiblich schlecht, es hallt, es wabert, es kann eigentlich nur den ganzen Abend Hardtrance ohne Bassdrum laufen, damit es nicht so auffällt. Oder alles in zu lauter Lautstärke

    — irgendwie haben sie es hinbekommen, die Halle trotz der Größe stickig und feucht sein zu lassen. Genial!

    — perfekte Imitation des “wir-machen-sonst-eher-Volksfeste-“Veranstalters, indem das Licht konsequent so hell war, wie in den 90ern bei Marienhof immer Raves oder Clubs dargestellt wurde

Und so war quasi die größte Halle eine Art Rave-Ride-Attraktion. Ein Museum, “so war es früher”. Nur ein paar Drogenleichen fürs Klo hätten sie noch casten sollen. Die Veranstalter sollten sich wirklich überlegen, ob sie das Konzept nicht als Attraktion für Europapark, Heidepark, Holiday Park + Co. verkaufen sollen. Nach allen Kontinenten, Filmen und Dinos brauchen diese Parks doch auch mal was neues.

Die anderen beiden Floors waren aber über jeden Zweifel erhaben, Musik, Stimmung, alles hat gepasst und wir waren begeistert! Nicht das ihr jetzt denkt ,das war eine schlechte Veranstaltung. Aber darum gehts hier ja nicht. Gerne wieder!

http://oz-reloaded.de/

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