Kachina – oder die Unmöglichkeit der Nichtbegeisterung

M Wir könnten sehr viele solcher Artikel schreiben. Lobeshymnen die von der kindlichen Freude am Entdecken neuer Musik berichten. Die für einen kurzen Moment imaginäre Einäugigkeit statt ständige Blindheit vorgauckeln. Jedes mal natürlich daran scheitern, auch nur einen Funken der Glücksgefühle rüber zu bringen, die dieser oder jener Track oder Mix auslöst.

Einer der Hauptgründe für die de facto Einstellung unseres Blogs in den vergangenen Jahren war neben dem ständig steigenden Real Life Anteil oder dem allgemein nahe Null gesunkenen Nutzwert von Musikblogs auf Grund Soundcloud, Spotify, Facebook oder Bandcamp eben auch die Tatsache, dass wir bei der Flut an neuer Musik einfach zu viel Zeit in den reinen Konsum investieren müssen!

Was in meinem Fall eines im falschen Körper (*) geborenen Süddeutschen mit Faible für UK Bass und Garage vor allem bedeutet, dass ich durch das laufende UKG Revival in eine Art musikalisches Euphoriekoma gefallen bin.

(* = ich glaube ich hätte Musikgeschmackstechnisch eigentlich im Körper einer zwanzigjährigen Londonerin geboren werden sollen)

Woher soll ich all die Zeit für Seitenlange Lobeshymnen auf die Conductas, Deadbeats, Left/Rights etc. nehmen, wenn immer neues kommt? Wie den Mut finden, meine elegischen Jubelartikel über Flava D nicht jedes Mal mit den Worten ICH BIN UNWÜRDIG wieder zu löschen? Wie bei einem DJ EZ Set unter kroatischer Sonne keinen Herzinfarkt bekommen?

Dieser Beitrag ist also eine Art kurzes Zucken aus dem Wachkoma.
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The Erised – Desire EP

Phtalate für’s Herz aka ukrainischer Future Pop

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Das hier sollte eigentlich wegen The Erised’s Valentinstag Video auch an selbigem erscheinen, aber Rückdatieren is jetzt auch irgendwie peinlich…

Medschool, das (buah) “kleine Schwesterlabel” (huaa Doppeldeutig, puh) von Hospitalrecords traut sich was. Oder auch nicht. Oder doch. Aber laut eigenem bekunden hätte man so etwas schon vorher veröffentlicht, wenn denn jemand Demos in solcher Qualität eingesandt hätte.

Für ein Label wie Medschool, das sonst eher für quergelegten technoiden elektronischen Drum’n Bass weit links der Mitte steht, ist es eine Überraschung: The Erised sind eine 6-köpfige Live-Band aus der Ukraine, bestehend aus Sängerin Sonya Sukorukova und 5 Musikern, von denen Detail und die beiden Hidden Element Jungs auch schon auf Medschool Compilations vertreten waren und den Kern der Band bilden. Die Väter der Band haben damit alle DnB Gene in die Zeugung der Band eingebracht.

Der Sound der Band ist – jetzt wird’s schwierig für mich, da mir hier die korrekten Stil-adjektive fehlen – Downtempo Pop-Balladen / Folk mit Live-Instrumenten und einer Portion Elektronik (E-drums, Keys, der eine oder andere Frickel-Effekt). Klingt wie irischer Folk-Pop (forgive the incorrectness) mit leichtem Elektronik-Anstrich. Es ist die “live-werdung” eines elektronischen Arrangements.

Der Sound hat nichts, aber auch gar nichts mit Medschool oder Hospital zu tun. Es ist eine mutige Entscheidung des Labels, sich so für neue Sounds zu öffnen, auch wenn mit Bop und anderen auch bisher balladiges zum Repertoire des Labels gehörte, aber eben doch innerhalb des DnB Kosmos. Daher bleibt zu hoffen, dass mit The Erised ein neues Kapitel, eine dauerhafte Erweiterung des Labelsounds beginnt und nicht nur eine Eintagsfliege.

Auf der anderen Seite ist es auch wieder wenig mutig vom Label, denn gleich Pray das erste Stück der Band ist so eine unglaubliche Hammernummer, das man sie einfach veröffentlichen muss. Glaubt man den Interviews der Band war es auch so, dass Pray gar nicht als Demo für Medschool gedacht war, sondern The Erised einfach nur Industrie-Meinungen einholen wollten zu ihrem Band-Projekt. Aber Medschool hat einfach zugegriffen und sofort das Signing gewollt.

The Erised treffen mich direkt ins Herz. Schwülstige Popballaden vom eigentlich Alleroberschlimmsten wieden hier zum Herzenserweichmacher.

SEUFZ!

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Bop – Lucid Dreaming feat. Elsa Esmeralda

  • Er: click, copy, tipp, paste, double click, delete, rename, tag, share, embed, format, administrate
  • Sie: was wurschtelst Du denn da am Rechner seit Stunden rum?
  • Er: Äh ja das was ich immer mache: Musik suchen, finden, katalogisieren, taggen, organisieren, kaufen, verschieben, darüber schreiben
  • Sie: Hm ja und wann hörst Du sie an?
  • Er: Ja, also ich will ja gut vorbereitet sein und im Alter dann alles mal anhören
  • Sie: OK also das wäre dann jetzt.

Mendoza – Love Druggie

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Die Debut-Single der Dänin Mendoza läuft seit kurzem auf der rinse.fm daytime playlist und einmal gehört, war es natürlich sofort um mich geschehen. Der Track ist unwiderstehlich. Es fehlen nur die Beats und der Bass. Der Track macht gerade in den sozialen Netzwerken und auf Youtube eine steile Karriere. Würde ein Mobilfunkanbieter dieses Tune in der Werbung verwenden, wäre alles aus. Im Vice Magazin erzählt Mendoza, wie das alles passierte.
This is officially 1a Unfassbarkeitsmaterial!

Zum Glück gibt es von Nivolt einen Remix, der Beats und Bass so passgenau hinzufügt, als hätte Annie Mac den Track genau so als Opener für Ihre Sendung bestellt.

Volor Flex – Sabo

Aufhören, wenn’s am schönsten ist

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Das Jahr ist fast zu Ende und BÄM! kommt das Album des Jahres. Von Volor Flex, den wir hier ständig hypen. Der gefühlt jeden Monat ein Album rausbringt. Der die Formel “Burial 2.0” perfektioniert hat. Seinen Erfinder mittlerweile um Längen überholt hat.

Und jetzt das: Volor Flex goes out with a bang! Er hat sich entschieden, sein Pseudonym zu beenden, das Kapitel endgültig abzuschließen und neue, andere Musik unter einem anderen Namen zu machen. Mit seinem vierten Album Sabo setzt einen Schlusspunkt. Oder eher Schlusspunkte. Eine ganze Menge davon. In insgesamt 21 (einundzwanzig!!!!) Stücken liefert er sein Meisterwerk ab. Eine Art “Best of Volor Flex“. Und wie konsewuent es doch ist, eine Formel, die man nicht mehr verbessern kann, einfach zu beenden. Zu entscheiden “es wird nicht besser, man soll aufhören wenn’s am schönsten ist.

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Unsere Geschenktipps 2013


Weihnachtsgeschenke!
Ausgelatschter geht’s kaum in einem Blog. Dachtet Ihr. Checkt mal die Historik: Langjährige (aka vor langen Jahren einmal) Erfahrung in der Beratung, was man denn nun schenken sollte ist hier zu Hause! Hammer Überleitung, denn es geht um Musik, die man (auch) Personen schenken kann, die nicht jede Hyperdub Katalognummer auswendig kennen oder Ihre Fabric First membership ID. Auf diesen Artikel habe ich mich soo lange gefreut, ist doch der missionarische Auftrag unsere Grundmotivation.

Leuten also, die wehrlos Eurem missionarischen Eifer ausgesetzt sind, die Welt musikalisch ein Quentchen besser zu machen. Zudem beste Entschuldigung, mal Alben zu erwähnen, die wir zu rezensieren verschlafen hatten. Endlich mal wieder tolle Wurst also. Sit Back and Order alles als CD und dann verschenken. Am besten zum neuen Jahr und nicht an Weihnachten, das geht ja dann doch nur unter.

Hier also unsere subjektive Auswahl schöner “Homelistening” Alben des Jahres 2013, die man auch bei kalter Jahreszeit sehr gut hören kann. Ja, man muss alle besitzen. Ja man muss mindestens eines davon verschenken:

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Village – Takeover

Falling in love!

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Village ist Rumäne und eigentlich der Grafiker des rumänischen Origamisound Label / Veranstaltungskollektivs. Damit sichtbares hörbar wird, macht er Musik. Diese EP ist von Ende 2012 und ich habe also ein Jahr versäumt.

Lasst mich so frech sein und (schon wieder) aus dem Pressetext zitieren, denn er passt einfach so gut:

They say catchiness is recipe-based and dance music industry producers make a living trying to find and apply the perfect balance and chemistry between particular elements. However once in a blue moon some guy comes out of nowhere and touches on a bunch of soft spots with a witty seamlessness – what one might call a prodigy.

Das kann man nicht besser sagen. Soul / RnB / Pop / 2Step / UK Garage / dbridge vermischen sich zu einer art Mega-Future Garage. Aber sehr sehr weit in der Zukunft. Wer auf Kastle, SBTRKT, Philestine, Foamo, Sampha, Oneman etc. steht der findet hier Asyl. Unterschlupf. Zuflucht. Musikalische Erlösung. Trost. Hoffnung. Liebe. Scheissgeniale Beats. Die schiere Unfassbarkeit.

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Volor Flex & Encode – Altiplano

Polyrhythmische Machtdemonstration in der Tiefe des Raums

Volor Flex hat eine neue EP und der Pressetext lautet:

Altiplano, Volor Flex’s effervescent collab with fellow Russian producer and good friend Encode, is yet another dateless – albeit state-of-the-art – immersion into the polyrhythmic, dense, visceral compositions that this prolific artist is constantly fine-tuning somewhere in the steppe of the Ural Mountains.


Dem könnte man jetzt nichts mehr hinzufügen, aber die schiere Unglaublichkeit gebietet weitere Jubelverse:
Volor Flex startete ja als Ein-Mann-Tribute-to-Burial-Band. Doch jetzt hat er sein Vorbild mindestens erreicht. Und mit der Collab mit Kollegen Encode meiner Meinung nach sogar überholt. Die EP ist eine Art “Volor Flex Maxi” Version. Alles ist maximiert. Mehr Bass, die Räume noch tiefer, die Drones unendlicher, das Knistern noch rauschiger. Und vor allem: Die Beats. Das sind nicht mehr nur gefilterte geklaute 2step Loops aus Anfang 2000. Es sind handgemachte, ständig variierende verschachtelte Klacker-, Schepper- und Hoppelbeats von betörender Funkiness. Es ist dem erfahrenen Leser ja mittlerweile klar, dass man mich mit solchen 2step Beats sofort willenlos machen kann. Aber SO WILLENLOS war ich schon lange nicht mehr.

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Calyx & Teebee – Elevate This Sound

Poesie in Bewegung!

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Unbelievablism. Incredibilanity. Wickedism. Unfassbarismus. Übertunity. Wahnsinnitis.

Wenn wir hier mal einen einzelnen Track erwähnen, haben wir ja üblicherweise die Zurechnungsfähigkeit lange hinter uns gelassen vor lauter Euphorie.

Seit etwas mehr als einem Monat ist nun die Single “Elevate this Sound” von Calyx und Teebee raus, die den Auftakt zum kommenden Album “All or Nothing” bildet. Und it had to be now or never, denn ich kann mich kaum erinnern (*), wann ein Track wirklich seit 6 Wochen am Tag mindestens zwei mal lief!

(* Hmm, stimmt ja gar nicht. Das war bei Spectrasoul’s Away With Me Feat. Tamara Blessa auch so. Mit der Ausnahme, dass das Album so unfassbar gut ist, dass wir uns bis jetzt noch nicht genug davon erholt haben um darüber schreiben zu wagen.)

So pathetisch und overdone das klingt, aber dieser Track ist eine Offenbarung! Den schönen Spruch “Poesie in Bewegung” habe ich zugegebenermaßen aus einem anderen Review entleihen muessen, aber er beschreibt den Song einfach in Perfektion:

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About Object Orientation and unbelievablism! – a night out with FL Studio and Moog Skywalker

MSometimes you have this very special, unexpected evenings. What started out to be a harmless visit to my old friend Moog Skywalker turned out to be a mindblowing journey into ultra nerdcore.

I would consider myself as rather literate when it comes to music making software, plugins and sequencers. But nowhere was I prepared to take the full load of FL Studio (aka Fruity Loops). A fair share of DAWs I’ve seen for sure, but what happended to this scene classic is almost not possible to describe: It’s got the same boring grey-on-grey dark looks, the same 90ies cyber look. The same unusable step sequencer, the same tracker-derived sound handling.

But below this lies a universe of unbelievabism! So modular, so vast, so crazy, so modular. It’s the Object Orientation heaven here. Everything can be combined, modulated, sent, received, input, output to everything. What was complex a few years ago is not cascades of endless possibilities. And in true nerdcore style, all those esoteric functions are of course totallly hidden away under tiny almost-black buttons and labelled in obscure words that more resemble a decyphering of an ancient pyramid than working a software.

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