von audibilen Flutwellen und sonischen Hochwassern

… oder: the year of the Übertunes

Jahresrückblicke sind für Blogs eher zweifelhafte Deckmäntel zur Generierung unnützen Contents. Für ein Blog wie dieses hier, welches nahezu ein Jahr ohne Veröffentlichung auskommt, geradezu eine Anmaßung.

Doch HALT! STOP! OBACHT! möchte man dem sich bereits weiterklickenden Digitalreisenden zurufen. Denn es herrscht schwere Wohlstandssorgennot im Rezensentenlande. Ohne Scheu kann hier der Begriff der höheren Gewalt ins Feld geführt werden, für den unsere Anwälte jahrelang in den Vertragsverhandlungen mit unserer Rezensentenrückversicherung gekämpft haben.

Denn 2015 war für unseren kleinen Musikkosmos ein Jahr der Superlative. Die Flut an erwähnenswerten Veröffentlichungen (egal ob nun positiv oder negativ) hat uns schlichtweg umgehauen. Wenn bereits während der Hördauer eines neuen Albums schon mindestens ein weiteres veröffentlicht wird, wie soll man da mithalten? Continue reading

Rätselecke! Herzblatt mit Herzblut aka Ich Herz Glühbirne Bäume

MFile under: was Sie schon immer sagen wollten, sich aber nie getrauten. Irgendwann isses dann auch egal. Man druckt ein Bilderrätsel aus, hängt es sich um den Hals und macht sich damit im Lieblingsclub lächerlich.

Aber mit dem Wissen, das richtige zu tun. Die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, oder doch zumindest ans schummrige Discolicht der Pressure.

Denn es ist an der Zeit, einen Drum’n Bass DJ zu feiern, wie es ihn in Tübingen nirgendwo ein drittes Mal gibt!
Das wollten wir schon seit 20 Jahren sagen (was wir ja bereits in Reimform taten).

Soo, wer ist denn jetzt nun unser Herzblatt mit Herzblut?

Oliver Schories – Fields without Fences

Durchgestylte Entspannungs- und Begleitelektronik für audibile Genießer!

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Total unprofessionell ist es, wenn der Grund für die Rezension sowie die Rezeption des Rezensionsobjektes über die Maßen von der Person des Rezensenten abhängen. Wie schön, dass man auf einem privaten Blog nicht professionell sein muss, schon gar nicht hier. Und so kann ich ungehindert belangloses von mir geben. Zum Beispiel, dass Oliver Schories’ drittes Album in vier Jahren vor allen deshalb rezensiert wurde, um dem Autor etwas Abwechslung aus der selbst gewählten Isolation aus Drum’n Bass, UK Bass und UK Garage zu bescheren.

Denn was für eine gute Gelegenheit: Ein ganzes Album voller netter Plätschertronika! Der Pressetext spricht wortgewaltig von “truly captivating, emotional and spiritually enlightening journey“, Thump/Vice disst es als jedemrechtmachenwollende Ansammlung von Belanglosigkeiten Oliver Schories ist nicht Van Damme, sondern ein mittelgroßer gemischter Salat)

So was weckt natürlich das Interesse der sensationslüsternen Laienpresse (ws dazu führt, dass man sofort das lesen weiterer Artikel darüber einstellt). Wie zu erwarten, treffen beide Aussagen den Nagel auf den Kopf:

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The Erised – Desire EP

Phtalate für’s Herz aka ukrainischer Future Pop

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Das hier sollte eigentlich wegen The Erised’s Valentinstag Video auch an selbigem erscheinen, aber Rückdatieren is jetzt auch irgendwie peinlich…

Medschool, das (buah) “kleine Schwesterlabel” (huaa Doppeldeutig, puh) von Hospitalrecords traut sich was. Oder auch nicht. Oder doch. Aber laut eigenem bekunden hätte man so etwas schon vorher veröffentlicht, wenn denn jemand Demos in solcher Qualität eingesandt hätte.

Für ein Label wie Medschool, das sonst eher für quergelegten technoiden elektronischen Drum’n Bass weit links der Mitte steht, ist es eine Überraschung: The Erised sind eine 6-köpfige Live-Band aus der Ukraine, bestehend aus Sängerin Sonya Sukorukova und 5 Musikern, von denen Detail und die beiden Hidden Element Jungs auch schon auf Medschool Compilations vertreten waren und den Kern der Band bilden. Die Väter der Band haben damit alle DnB Gene in die Zeugung der Band eingebracht.

Der Sound der Band ist – jetzt wird’s schwierig für mich, da mir hier die korrekten Stil-adjektive fehlen – Downtempo Pop-Balladen / Folk mit Live-Instrumenten und einer Portion Elektronik (E-drums, Keys, der eine oder andere Frickel-Effekt). Klingt wie irischer Folk-Pop (forgive the incorrectness) mit leichtem Elektronik-Anstrich. Es ist die “live-werdung” eines elektronischen Arrangements.

Der Sound hat nichts, aber auch gar nichts mit Medschool oder Hospital zu tun. Es ist eine mutige Entscheidung des Labels, sich so für neue Sounds zu öffnen, auch wenn mit Bop und anderen auch bisher balladiges zum Repertoire des Labels gehörte, aber eben doch innerhalb des DnB Kosmos. Daher bleibt zu hoffen, dass mit The Erised ein neues Kapitel, eine dauerhafte Erweiterung des Labelsounds beginnt und nicht nur eine Eintagsfliege.

Auf der anderen Seite ist es auch wieder wenig mutig vom Label, denn gleich Pray das erste Stück der Band ist so eine unglaubliche Hammernummer, das man sie einfach veröffentlichen muss. Glaubt man den Interviews der Band war es auch so, dass Pray gar nicht als Demo für Medschool gedacht war, sondern The Erised einfach nur Industrie-Meinungen einholen wollten zu ihrem Band-Projekt. Aber Medschool hat einfach zugegriffen und sofort das Signing gewollt.

The Erised treffen mich direkt ins Herz. Schwülstige Popballaden vom eigentlich Alleroberschlimmsten wieden hier zum Herzenserweichmacher.

SEUFZ!

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SBTRKT – wonder where we land

Des maskierten Melodiekaisers neue Kleider !?

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SBTRKT veröffentlicht nach einer gefühlten Ewigkeit mit “Wonder where we land” den Nachfolger zu seinem Debutalbum. Jahrhundertelang gab es außer einer EP, Resteverwertung und kurzen Soundloud Schnipseln nichts neues. Seine online verfügbaren DJ Sets waren größtenteils sehr ähnlich, er spielte seine Tracks des Debut Albums einfach immer und immer wieder.

Dazu hatte er bei dem Erdrutschsieg eines Debutalbums ja auch allen Grund. Und anstatt man sich daran satt hörte, weckte er nur mehr Verlangen nach neuem Material. Und da kann er in 2013 bei einem adriatischen Festivalset auch einen Moderat Track aus 2006 droppen und die Menge zum Ausrasten bringen. Oder 2012 bei einem ebenfalls adriatischen DJ Set direkt am Strand dem geneigten, ihm treu ergebenen Connausseur einen einmaligen kurzen Blick in die Zukunft geben. Ein kurzer Blick nur in ein retrofuturistisches Morgen.

Und jetzt der Nachfolger: sperrig, monolithisch, exzentrisch, unverschämt, frech, nicht kategorisierbar, unerträglich, unerträglich schön.

Das Album ist 100% SBTRKT mit allem was dazugehört: Ein hektisches Gezitter aus Chiptune Arpeggios, Marimbas, Geklingel, Farfisa und unendlichen Strings. Dazu 808 Snares und hektische HiHats. Gezuckert mit dem Geheul und Gewimmer von Samphas Textfragmenten, das unmöglich irgendwo hin zu passen scheint.

Diesmal hat er den Soundkosmos noch in Hall, Reverb und Echo ertränkt. Noch mehr Störgeräusche und Gefiepse, noch mehr über-hektisches Geklöppel und Gezische das wohl die Drums sein sollen.

Und er bleibt der Un-demaskierte König der Melodien. Simple, poppige, traurige Fragmente, die er nicht arrangiert sondern eher kollagiert.

Oder?

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20 Jahre SANTORIN Pressure

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Das Tübinger Drum’n Bass Label Santorin veranstaltet die montliche Drum’n Bass Clubnacht PRESSURE. Und das nun schon seit 20 (z-w-a-n-z-i-g!) Jahren. Keine Ahnung wie viele andere Veranstaltungen im Drum’n Bass Bereich das von sich sagen können.

In der süddeutschen DnB Diaspora kommt dieser Veranstaltung eine zentrale Rolle zu. Ich lasse mal die vielen, vielen schönen Geschichten und die Bedeutung dieser Veranstaltung für mein älter werden weg.

Statt dessen möchten wir dem Geburtstagskind ganz herzlich gratulieren und freuen uns selbstverständlich auf die nächsten 20 Jahre!


Liebe PRESSURE,

hätten wir’s nicht so im Rücken, würden wir uns tief verbeugen,
daher sollen diese Zeilen Dich von unsrer Verehrung überzeugen:

Wie schön, dass Du geboren bist,
Wir hätten das sonst sehr vermisst.
Die Amen Breaks, die fetten Drops,
Nur hier sind wir so rumgehopst!

Ob Depot oder Brezel oder and’re Lokationen
wir wollten nie geh’n, lieber für immer da wohnen.
Die Vielfalt exzellent, Du hast uns nie betrogen,
Jeder Abend mit legendärem Spannungsbogen.

Denn Deine sind Tunes sick, deine Crowd noch sicker,
Die Beats so slick und die Bässe fetter.
Bei Dir läuft kein Geboller und kein Gebretter,
Nirgends ist die Crowd schöner und die DJs netter.

Lynx oder Storm, ja es gab auch große Namen
da war die Bude voll, weil die Fans in Massen kamen.
Doch warum in die Ferne schweifen, das gute liegt so nah
Heroisch gut sind nur Lightwood und Telmo A!

Wegen Dir gibts im Kalender ‘nen dritten Weihnachtsfeiertag,
niemand der zu Oldschool Breaks nicht mit dir fein nachts feiern mag.
Fremde Plattendreher ließen uns eher kalt,
Wir sind geeicht auf Telmo A und Oli Lichtwald.

Du bist ein Monument, zwanzig Jahre Pressure,
Warst immer oben auf und wurdest nie schwächer.
Hast all die Jahre Drum und Bass vereint
Unser letzter Wille lautet deshalb auch:

REEWWIIINNDD!

Vacant – Trauma EP

MUnsere Faszination für burialeske Stücke wird wohl niemals enden. In der langen Tradition der Volor Flexes dieser Erde hier der PFLICHTKAUF der EP Trauma von Vacant. Und die PFLICHT sich den Track Trauma sofort anzuhören. Dann zu weinen. Sich dann zu fangen. Und dann unglaublich hohe Summen bei Bandcamp dafür auszugeben.Zwei britische Pfund für ein Stück Ewigkeit atmosphärischen Future-Garage ist zu wenig!

Und meine Worten reichen nicht aus, um dieses schöne Stück Musik zu beschreiben, weswegen wir nicht umhin können, hier den Promotext zu zitieren, da er treffender nicht sein könnte:

London based producer ‘Vacant’, brings 5 tracks of pure genius with his 2nd EP release on Insight Music.

The late night walk home needs a companion, and this master class in atmospheric future-garage is the perfect match.

Recognised for his pure yet deep sound, Vacant brings light to the dark with the echoing sound of distant voice and percussion, a far cry for the beauty that lies deep within urban ruins.

Niko Schwind – Grippin’ World


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Wer mein belangloses Vorgeschichtengeplaenkel überspringen möchte und mal wieder Jubelperser bei der Arbeit sehen möchte, der scrolle nach unten.

Das waren noch (Gründer-)Zeiten damals. Als hier in trauter Zweisamkeit Battlerezensionen statt fanden. Musikpolitische Diskurse elegischen Ausmaßes, die sicherlich noch nie jemanden außer den beiden Protagonisten etwas bedeuteten.
Aber alles wird anders. Und so hat sich mein treuer Gründungskollege Jmittlerweile ein Leben zugelegt, dass eigene Rezensionen nahezu unmöglich machen. Ich ging fest davon aus, dass er wenigstens noch Rezensionsaufträge delegieren oder outsourcen würde. Aber selbst dazu fehlt die Priorität. Statt dessen unausgesprochene Wünsche und Sehnsüchte, die sein stetig wachsender Mitarbeiterstab erfühlen und doch so gleich umzusetzen hat.

Solch einen unausgesprochene Erwartungshaltung äußerte er anlässlich eines jüngst stattfindenden Strategiesymposiums unseres Unternehmens in einem wichtigen Kurort dann sehr unterschwellig: Beim Abspülen in der Küche droppt also mein lieber Kollege einfach so ohne Vorwarnung das Lied “Perfect Fit“. Es ist die erste Single-Auskopplung aus dem dritten Album “Grippin’ World” des in Trier geborenen, mittlerweile in Berlin lebenden Niko Schwind. Es wurde, wie auch der Vorgänger, auf Oliver Koletzki’s Stil vor Talent Label veröffentlicht. Einem Musikkosmos eigentlich weit entfernt von meinem, dem ich maximal einmal im Jahr auf der Stuttgarter SEMF begegne. Wähnte ich zumindest. Hatte ich irgendwie unter “Deutscher Techno” falsch abgespeichert.

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Abgebrochener Dauerlauftest zu S.P.Y. Back to Basics Chapter One

Don’t call it RETRO!

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Das sollte der ganz große Rezensionsdurchbruch werden. Ein Riesenprojekt. Myriaden von Praktikanten sollten darin verschlungen werden. Ein Epos tolkien’schen Ausmaßes entstehen. Technisch abgesichert und allerlei Ubernerdkram: Ein Dauerlauf-Langzeit-Test sollte es werden:
Ein Album – Ein Jahr – Ein Team – Ein Rezensent – Ein Ergebnis – Ein Riesen Erfolgt – Ein Wahnsinn

Das Album “Back to Basics Chapter One” des Hospital Musikers Carlos “S.P.Y.” Lima sollte also einem KNALLHARTEN DAUERLAUF unterzogen werden. Wie klingen die Tracks im Regen. In der Nacht. Im Schlamm. Bei Minus 40 Grad in der schwedischen Eiswüste. Bei Plus 140 Grad in der Atakamawüste. Auf 50.000 Meter in diesem Red Bull Luftballon Dings da wo der Österreicher da runter sprang. Und so. Alles. Volles Programm. Mit Sponsoring.

Aber leider wurde es Eine Schnapsidee. Denn irgendwie schon doof, das nach nur dreieinhalb Monaten schon das Nachfolgealbum “Back to Basics Chapter Two” announced wird.

Wir hätten den Dauerlauf natürlich erweitern können. Zum Beispiel um die Fragestellung, was es für einen Sinn hat, MP3-Alben vor zu bestellen. Sind die Files dann größer? Kriege ich dann auch garantiert auch eins ab?

Da gibts ja eh keine Antwort drauf. Also Vollbremsung und die Zwischenergebnisse schnell gepostet, bevor der zweite Teil draußen ist.

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