Alix Perez – 1984

Schöne neue Welt

J
Auswärts-Rezensieren ist ein Metier für sich. Sitze bei einer Freundin in einem Cafe in Eimsbüttel, eigentlich schon fast den ganzen Tag. Rechner am Tisch, Kopfhörer auf. Das Treiben beobachten. Die 4 Mädels am Nebentisch, die gerade ihr Abitur gemacht haben, planen eine Pyjama-Party, bei der alle aussehen sollen wie Audrey Hepburn. Ich bin noch nicht eingeladen worden.
1984 läuft und ich höre noch einen Ambientteppich aus Wortfetzen, Espressomaschine, Feuer im Kamin… Kräutertee. Das ist in Summe ein absoluter Flash, Ton und Bild werden eins. Aber das Eine gibt es eigentlich gar nicht.
1984 ist die musikalische Reflexion einer unglaublich dichten Gemütsfläche. Das kann man gesamtheitlich Wahrnehmen und nicht nur hören.

Ich werde so oft gefragt: “Gibt es nicht mal was Neues? Eine neue Richtung?” und war bis jetzt oft um eine Antwort verlegen. Aber jetzt kann ich sagen: This is it! Hört Euch dieses Album an, spürt diese Musik. Ich kann überhaupt nix vernünftiges mehr schreiben:
Ich bin restlos begeistert.
Und zwar vom gesamten Album. Dennoch gibt es auch von mir Anspieltipps, die ich hier nebenbei auf der Serviette notiert habe.

M

Die Genre / Schubladen-Bezeichnungen für britische Dancemusik waren ja schon immer von allerlei Unsinn geprägt. Und wenn man dachte, dass es schlimmer wie “UK funky” nicht gehen könnte, kommt jetzt (wohl) der Begriff “Half-Step“, der einen Drum’n Bass Sound beschreibt, der sozusagen den “Minimal-Deep-House-Electro” darstellt. “Half” deswegen, weil er trotz 170 + x BPM langsamer klingt, weil die Hihats weggelassen werden und so mehr Raum entsteht für tiefe, verquere, relaxte Sounds. Senioren sagen dazu “wie echter Electro nur halt schneller und ohne 808” und die Berliner sagen dazu “wie Villalobos nur mit scheiss Beats”, ein Kollege “wie Dubstep nur endlich mal mit guten Beats”. Mal sehen, ob der Halfstep-Begriff länger überlebt oder durch was anderes ersetzt wird. Für den Sound uns uns isses auch egal, aber wenn plötzlich so viele Tracks eines neuen Sounds auftreten, muss die Presse aben beherzt handeln.

Alix Perez war bisher vor allem als Vertreter des “Deephouse / Dubtechno & Bass” Sound um Calibre und Co aufgefallen. Mit 1984 liefert er sein beeidruckendes Debut-Album (was ist 2009 nur für ein Jahr!). Die Tracks bleiben dabei dem ruhigen, deepen, minimalen Kiffer-DnB treu und entwickeln ihn weiter. Deep’n Bass vielleicht. Stücke mit Gast-Vocalisten / Rappern (inkl Ursula Rucker) a la Lynx & Kemo in wechselnden Geschwindigkeiten, Bukemesque Roller, Calibre Sound und dieser unfassbare Minimal-drum’n-bass vom Stil eines Bop, dBridge oder Intramentals (deren unglaubliche Autonomic Podcast Reihe wir hier als Wissen voraussetzen). In der ganzen Tiefe kann man sich ja auch mal leicht verzetteln (lt. Tony Coleman klingt der wohl Gro?teil der an Hospital gesandten Demos mittlerweile nach dBridge und Bop Imitaten mit endlosen langweiligen Soundscapes), aber Alix Perez klingt abwechslungsreich und trotzdem homogen. Die Beats sind trickreich aber bleiben funky, die sphärischen Fläschen angenehm, die Vocals genau dort wo sie hingehören.

Wer auf relaxten, abstrakten Sound auf höchstem Niveau steht und dabei gleichzeitig einen Blick in die Zukunft werfen möchte, sollte hier unbedingt zugreifen. Zweifellos eines der besten DnB Alben des Jahres (auch wenn wir das bei nahezu jedem hier besprochenen Album sagen), das auch dem einen oder anderen genrefremden Gefallen könnte.

Einige (unfair ausgewählte) Anspieltipps:
  • 01. 1984
    Das isser, der “Halfstep” Sound. Wahnsinn.
  • 04. Voices
    Ich hatte mir fest vorgenommen, das Wort “vertrackt” in diesem Artikel zu verwenden. Und hier passt es auf die Beats und die Bleeps und die Clonks
  • 06. Forsaken
    Bei diesem perfekten Ambient’n Bass fällt mir gleich ein, dass ich die neue Big Bud auch noch rezensieren muss…

In das Album reinhören:

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