Anwendungsabhängige Musik – Kommentar von Herrn Oomen

Herr Oomen schrieb:
“Connaisseur_J fragte mich kürzlich bei einem Kaffee, was ich mir wohl unter dem Begriff applikative Musik vorstellen könnte. Also möchte ich die Gelegenheit nutzen meine Gedanken dazu einmal in aller bescheidenen Eitelkeit zum Besten zu geben. Anlass hierfür bot der von Connaisseur_M freimütig erfundene Begriff applikative Musik mit dem er in diesem Blog eine Art von Musik beschreiben wollte, die nur im Rahmen einer bestimmten Anwendung richtig zur Geltung kommt, richtig verstanden werden kann, erst eigentlich zu ihrer Wirkung kommt, funktioniert.Musik findet in der Gesellschaft unserer Zeit in vielerlei Hinsicht Anwendung. Von einer Freundin wei? ich, dass sie, als ihr Zimmer noch neben dem Schlafzimmer ihrer Eltern lag, wusste, ihre Eltern wollten nicht gestört werden, wenn aus dem Nebenzimmer Bob Marley ertönte. Jungs imponieren heute nicht mehr mit ihrer Briefmarkensammlung, sondern mit ihrem guten Musikgeschmack. Bei einem Candle-light-dinner finden Twens den Zugang zu Cool-Jazz. In diesen Fällen wird Musik angewendet, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen; aber ich glaube, damit ist das gesuchte Musikphänomen der applikativen Musik nicht richtig erfasst.

Was wir unter dem Begriff fassen können scheint mir weniger abhängig davon, in welchen Lebenslagen und zu welchen Zwecken wir Musik anwenden, sondern applikative Musik ist strenger zu fassen, eben als solche Musik, die nur im Rahmen einer bestimmten, d.h. ausgesuchten und exklusiven Anwendung funktionieren kann. Also eine Musik, die den Rahmen ihrer Anwendung enthält. Die Frage ist, ob es eine solche Musik eigentlich gibt. Vermutlich wird es Musik geben, die stark von ihrer Performance abhängig ist, wie beispielsweise John Cage’s Komposition für Klavier, in der nicht einmal eine Taste der Klaviatur angeschlagen wird. Oder Opern, die ihren Sinn erst in der Aufführung auf der Bühne – und weniger auf CD oder DVD gespeichert – erfüllen. Dies fassen wir aber unter dem Begriff der Performance.
Musik, die stark auf eine Anwendung hin ausgerichtet ist, wäre vermutlich zu aller erst New-Age-Musik. Hier scheint die Musik explizit für eine exklusive Anwendung konzipiert. Gewiss gilt das auch für einige Filmmusiken, bei denen sich die Dimension der Klänge und Melodien nicht erschlie?en, wenn das Bild dazu fehlt. Da Filmmusik aber gerade elementarere Dinge des Filmgenusses fasst, sie unterstreicht, lässt sie sich auch in andere Rahmen ihrer eigentlichen Anwendung exportieren. Die Dramatik des Star Wars Soundtrack versteht man auch ohne die zugeordneten Bilder, eben auch au?erhalb des Kinos. Da Filmmusik Elementares bedient, ist es auch universeller verstehbar. Gibt es also Filmmusik, die nur im engen Rahmen ihrere ersonnenen Anwendung, nämlich Film, funktioniert?
Ich wei? es nicht. Mir fällt kein Beispiel ein

Auch die unaufdringlichen, leichten, common-sense-fähigen Songs die uns im Kaufhaus oder im Fahrstuhl entgegen dudeln, uns berieseln sollen, wie man sagt, funktionieren nicht besser oder schlechter nur weil sie dort zur Anwendung kommen.
Vielleicht wären Karnevalsschlager ein guter Kandidat für ein Beispiel applikativer Musik. Fan-Gesänge und Protestsongs, Hymnen und Parteilieder, Kirchenlieder und (Radio-)Jingles vermutlich auch.
Und dann gibt es Musik, bei der eine mögliche Anwendung nur sehr schwer vorstellbar ist. Ich denke dabei an die Feedback- und Distortionorgie des “Metal-Maschine-Musik”-Albums eines Lou Reed. Sonic Youth haben eine seichtere, deshalb aber nicht weniger fordernde Platte mit Feedbaks, als Reaktion auf den Suizid eines ihrere Fans aufgenommen, die sie Silver Sessions nannten. Wie ich finde eine sehr eindrucksvolle Vertonung von so etwas wie Fassungslosigkeit. Fraglich aber bleibt ob sich diese Musik überhaput für irgendwas anwenden lässt.
Manchmal reicht es, wenn Musik zum tanzen bewegt und in der Disco zur Anwendung kommt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es Musik gibt, man auf Musik aufmerksam wird, von der man spürt, dass sie sich nicht über Kopfhörer vom Wohnzimmersofa aus, erschlie?en lässt. Wenn man dann aber sofort erkennt, in welchem Rahmen angewendet sie funktionieren kann und es von diesem explizitem Rahmen abhängt, dass sie funktioniert, wird es applikative Musik sein. Sollte mir derartige Musik zugespielt worden sein, würde ich für den Impuls plädieren, den dazugehöigen Rahmen ihrer Anwendung als Beigabe einzufordern. Slack-Key funktioniert eben vermutlich auch nur auf Hawai. In diesem Sinne: Aloha! “

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